San Fermin Eröffnungszeremonie, oder der Wahnsinn beginnt

DESSILLUSION

LA MUERTE DE „COOL“

Pamplona zu San Fermines, soviel mehr als nur der Stierlauf, keine Vorstellung, kein Gedanke kann es beschreiben, was hier in den 9 Feiertagen vor sich geht. Eines der letzten Abenteuer? Für manche! Ein Erlebnis? Für alle!

Sonntag 8:00: Ein lauter Knall! Ich sehe nur weißes Licht! Wo bin ich? Langsam bringt mich die Kälte des Zimmerbodens in die Realität zurück. Mein Laptop liegt neben mir am Boden, doch es scheint ihm gut zu gehen, waschelnass rappel ich mich auf, schimpfe vor mich her und schleppe mich ins Bad. Extremer Alptraum, der Zweite diese Nacht. Wie eigentlich immer, wenn mich etwas stresst beziehungsweise stark beschäftigt, das war schon in der Schule so.

9:30:

Alle sind schon in den traditionellen Farben (weiß,rot) unterwegs, deswegen noch mal schnell zurück aufs Zimmer und auch ich fetz mich in die rot, weiße Tracht. (rotes Halstuch wird als erstes ums Armgelenk gebunden) Eigentlich wollte ich mit der Truppe von gestern mit, doch die warten nicht auf mich. Solche Idioten, wegen 5 Minuten, ich merke mir fehlt die Nestwärme der letzten 2 Wochen. Ich folge, einem Strom traditionell gekleideter Menschen, vielleicht finde ich sie ja doch noch? Verdammt viele Leute für diese Uhrzeit unterwegs und wie binde ich mir diesen depperten Schal eigentlich richtig um die Hüfte? Ich gehe an verschiedenen Standeln vorbei die Klumpert verkaufen, uh, so einen traditionellen Leder- Trinksack, der ist cool, praktisch, den haben voll viele, der fehlt mir noch zu meinem Pamplona Outfit, 7€? Gekauft! Ich lass mich treiben, ich habe nicht wirklich ein Ziel, ich möchte mir eigentlich nur gerne die Strecke ansehen. Ein paar Wappler sind jetzt schon ziemlich betrunken und schütten sich gegenseitig mit Sangria an, schade um das weiße Hemd. Bumm, ganz schön viele Polizisten hier, schauen gefährlich aus, na vielleicht eine Demo, oder ist was passiert? Mach ma besser mal ein Foto.

Lärm! Unglaublicher Lärm!

Es wird laut, es wird sogar sehr laut! Was ist das? Ich gehe zwei Ecken weiter und stehe vor dem Rathaus. Zusammen mit 10.000, Nein! 100.000, Nein mehr! Egal auf jeden Fall sehr, sehr, sehr vielen weiß, rot und rosa? gekleideten Menschen. Platsch!!! Ich bin voll mit Sangria (Aha, deswegen rosa!), ich schau mich fragend um, Warum? „YOU LOOKED TOO WHITE!“ schreit mir eine grelle, Alkohol durchtränkte Frauenstimme ins Gesicht. Na bitte was? Was soll denn die Rassisten- Schiene da jetzt? Zack, nächste Welle Sangria ins Gesicht. Hearst, bist deppert? Doch dazu komm ich nicht, die Menge drängt mich weiter und um einen besseren Blick zu bekommen dränge ich mit. Es fliegen Sangria Flaschen, Hosen; riesengroße Bälle und kleine Frauen durch die Luft. Sobald ein Mädel in der Luft ist, oder auf den Schultern eines Kerls sitzt wird sie, unter Gejohle der Menge, komplett mit Sangria und Bier überschüttet, aus einem Fenster, 3 Meter darüber hängt ein großes Plakat: NO SEXISM! respetar a las mujeres. (Respektiere Frauen) Schaut nicht so aus als ob das jemand ernst nehme, nicht einmal die Frauen selbst. Ja sind da eigentlich alle angesoffen? Wo bin ich hier rein geraten?

Ja, hier sind alle komplett betrunken, aber mal so richtig! Alle! Außer ich.

11:50:

Ich befinde mich mitten in der San Fermin- Eröffnungszeremonie, hier trifft sich die Welt und kommt in Pamplona zusammen, um zu feiern. Die Welt, hauptsächlich vertreten durch Spanier, Australier, Amerikaner, Neuseeländer, allen Arten von Asiaten, Mexikanern und vereinzelt Resteuropäern wie Deutsche, Franzosen und eben mir. Es ist die absolute Anarchie. Manche haben extra ihre Super-soakers (große Wasserpistolen) mit Sangria befüllt und beschießen alles was nur irgendwie weiß ist. Es werden mehr und mehr Menschen, man steht eng an eng aneinander gedrückt, es steigt mir schon der dritte auf meinen gebrochenen Zeh und ich kann mich nicht einmal mehr umdrehen. Ein Fettsack lehnt sich plötzlich mit vollstem Gewicht auf meinen Trinksack, der mir durch den Leder Fangriemen um meinen Hals, sofort die Kehle zuschnürt und mich ins Fleisch schneidet. Ich komme nicht mehr dazu zu schreien, ich trete ihn in den Rücken, doch er bewegt sich keinen Millimeter. Um der Strangulation zu entkommen, versuche ich abzutauchen und durch viel Glück kann ich mich befreien. Ich werfe den Trinksack soweit als möglich weg. Die Menge fängt an zu schaukeln, ich beruhige mich selbst, zwinge mich zu lächeln und sage mir, alles gut, schaukel mit der Masse, genieße es, bleibe im Flow.  Leute fallen um wie Dominosteine und diejenigen, die nicht rechtzeitig aufkommen, über die wird darübergetrampelt. Schreie. Nur durch Glück und viel Kraft kann ich stehen bleiben, ich merke, dass ich, wenn ich sie noch nicht habe, in den nächsten Momenten in Panik geraten werde. Ich muss hier raus! Pfeif auf den Flow, pfeif auf die Masse und das geschaukel, das ist kein Spaß mehr, das ist extrem gefährlich. Ich bemüh mich ruhig zu bleiben, halte die Arme in einem Dreieck  vor dem Körper, beim Kickboxen wurde das Sicherung der Komfortzone genannt, extrem anstrengend, aber auch effektiv und ich werde wie alle anderen ruppiger. Ich bereue es, mir die Schuhe nicht richtig geschnürt zu haben, ständig tritt mir jemand drauf und ich muss aufpassen nicht zu stolpern. Der Bürgermeister von Pamplona feuert die Menge mit Viva- Sprüchen an, der hat leicht reden auf seinem Balkon, geschafft ich bin am Rand was für ein Kraftakt, ich bin komplett fertig, KNALL; JUBEL! Die Eröffnungs- Rakete explodiert, alle halten Ihr rotes Halstuch in Richtung Himmel es wird gesungen,  dann Stille; KNALL; JUBEL! Die Party geht weiter, das rote Halstuch jetzt um den Hals.

Hier bewegte Bilder, zu dem was ich gerade beschrieben habe.

Ich habe keine Ahnung wo ich bin, durch das fliehen aus der Masse habe ich komplett die Orientierung verloren. Eigentlich dachte ich, hätte ich mit einem Riesenrad, sah dem London Eye ein wenig ähnlich, einen recht guten Orientierungspunkt, doch jetzt laufe ich schon seit 3 Stunden komplett Planlos durch die Stadt, nirgendwo so ein sch##ß Riesenrad. Hier sind alle am feiern, ich fühle mich müde, hungrig und extrem allein. Irgendwann schaffe ich es, durch mir bekannte Häuser den Weg zurück zu finden und falle zuhause ins Bett. Was war das? Um Himmelswillen, ist das normal? Ich beginne mich sofort zu informieren um nicht nochmal durch so eine Hölle gehen zu müssen.

Es klopft an meiner Tür, es ist erst 5, mah, was für ein org langer Tag! Klopfen; es ist Ben aus Australien der mich fragt ob ich mitkommen möchte. (FUCK YOU) Ja klar ich komme. Wir gehen wieder zu der Wohnung des Engländers, dort lernen wir Gomez (33) kennen, es dürfte sich hier um einen Local Hero handeln, er ist schon 13 mal mit den Stieren gelaufen und gibt jedem der es hören will Tipps, zeigt seine YouTube- Videos, oder seine Narben her. Ich frage Ben ob er denn morgen laufen möchte, er winkt ab und meint er möchte schon, aber morgen sieht er es sich erst einmal an. Eigentlich kein blöder Ansatz, aber ich kenne mich, wenn ich es morgen verschiebe, dann mach ich es nicht mehr. Nach dem täglichen Feuerwerk um 11 trete ich die Heimreise an, ich mache es, schlimmer als heute die Eröffnungszeremonie kann es nicht werden. Jedenfalls habe ich aber eine wertvolle Erkenntnis für morgen bekommen, gefährlich sind nicht die Stiere, sondern die unglaublich vielen Leute die mitlaufen.

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