Pamplona und der Stierlauf

THE RUN

05:00:

Wecker läutet, doch ich bin schon wach und komplett klar im Kopf. Ich stehe auf, mache meine üblichen Liegestütze und dehne ein bisschen, dusche. Mix mir eines meiner Magnesium/Koffein Getränke, um keine Krämpfe zu bekommen, denn ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen  und schreibe nebenbei meinen Lieben, es kommt mir vor als würde ich Abschiedsbriefe versenden. Ein strenges „Blödsinn!“, geht mir durch den Kopf und es ist wirklich so. Ich habe zum ersten Mal keine Angst. Zum ersten Mal in dieser Woche bin ich ruhig und richtig entspannt. Ich zieh mich in den traditionellen Farben an: Hose, Hemd in weiß, rotes Halstuch und roter Schal um die Hüfte. Meine blauen NIKE schnüre ich so fest es geht. Meine GoPro- Kamera lasse ich zuhause, zwecks Karma, denn es wäre zwar ein leichtes sie einzuschmuggeln, aber verboten ist nun mal verboten.

Im Stiegenhaus des Hostels sehe ich, wie mehrere andere Männer ihre Türen hinter sich schließen, oder sich ihre Frisuren zurecht zupfen, dabei muss ich schmunzeln, man kann Ihnen nämlich Ihre Angst wahrlich ansehen. Ich kann nicht sagen weshalb ich so ruhig bin und weiß auch nicht wie ich es deuten soll, aber ich lass mich von diesem Gefühl erst einmal tragen. Es hat die ganze Nacht geregnet und das heißt, dass die Pflastersteine sehr rutschig sein werden, naja welche Premiere ist schon einfach? Ich versuche durch ein paar kurze Stopps das Rutsch-verhalten meiner Schuhe zu erkennen,und begebe mich zum Start, es beginnt zwar erst um 8 Uhr aber ich habe gehört, dass die Polizei sehr stark selektiert und wenn man zu spät kommt, darf man nicht mehr mitlaufen.

Der über 800m lange Lauf ist in zwei Teile gegliedert, ungefähr bei der Hälfte gibt es eine scharfe Rechtskurve, genannt Death mens corner; der gefährlichste Streckenabschnitt, denn die Stiere haben in vollem Lauf einen recht großen Wendekreis, hier muss ich alles versuchen, um nicht außen zu laufen! Wenn man hier unbeschadet vorbei ist, gibt es eine ca. 400m lange, leicht ansteigende Gerade Richtung Arena.

Da ich gehört habe, dass die Rennen sehr schnell sind und durch die Tatsache,  dass viel zu viele Leute auf den Straßen sind gehe ich vor zum Ayuntamiento de Pamplona, von hier werde ich starten.

Auf großen Bildschirmen werden dreisprachig die Verhaltensregeln erklärt, eine ist, dass wenn man zu Sturz kommt, man liegen bleibt, versucht Kopf und Nacken zu schützen, erst wenn Stiere und Leute vorbei sind weiter laufen. Ich bin immer noch total ruhig und jetzt extrem froh, hier niemanden zu kennen, der Vortag hat mich gelehrt, in Panik kennt der Mensch keine Freunde und schon gar keine Etikette.

 Zwei Minuten vor 8: Ich dehne ein bisschen, lockere mich durch leichtes Hüpfen am Stand auf, man merkt die Nervosität der Leute wird größer, bei mir steigt zwar auch ein bisschen der Puls, aber ich bin nun sehr fokussiert, meine Taktik ist vollstes Tempo, denn es gibt hier, sehr viele, sehr große Männer an denen ich nur vorbei komme wenn ich mein gesamtes Körpergewicht mit viel Speed rein werfe,  ich bin bereit.

8:00:

Die Menge ist wahnsinnig Laut. Ein Pfiff! Das bedeutet die Stiere haben die Box verlassen, ich jogge los, man blickt zurück wo sind sie? Ein zweiter Pfiff, alle Stiere sind auf der Strecke! Ich bin genau beim Death men’s corner, da eine Lücke, ich beschleunige kurz und zieh innen vorbei, Glück gehabt, 30m später ich laufe seitwärts, springe hoch, Wo sind sie? Verdammt, sind viele Leute auf der Straße. Ich werde mehr geschoben als ich eigentlich laufen kann. Ich bin genau auf Höhe des Dreiers in der Karte. Auf einmal ein Moment in dem die Zeit still zustehen scheint, schreiende Menschen, manche fliegen in die Luft, riesige Hörner und Männer die mit vollstem Tempo auf einen zu rennen. JETZT ABER WEG HIER! Ich sprinte los so schnell ich kann, halte, wie ein Rugbyspieler, einen Arm vor mir um herumstehende einfach umzutackeln, vor mir kommen Leute zu sturz, ich springe über den einen, Lande auf den anderen, weiter, weiter, der Lärm hinter mir wird immer Lauter, Fuck wieder ein liegender, ich möchte über ihn drüber springen, im selben Moment hebt er seinen Kopf um zu schauen was da kommt, „Herst du Happel, das war Regel Nummer 2: Kopf unten lassen!“ gleich nach: „Laufen mit Flip Flops ist verboten!“ , Es kommt, mein Knie aus vollstem Lauf, ich nehme an ihm gehen die Lichter aus, ich verliere kurz die Balance und slide auf meinem rechten Knie die Pflastersteine entlang, aber dank meiner Geschwindigkeit rappel ich mich wieder auf und kann weiter laufen. Ich schaue nach links, wieder so ein Moment, Kaliber Zeitstillstand, ein unglaublich riesiger Kopf, weit aufgerissene Augen, genau neben mir, Wau!!! So groß ist der? Ich Idiot, ich hab mit einer bisschen größeren Kuh gerechnet, aber sowas habe ich noch nicht gesehen, das ist also ein Stier?! Um die größe dieses Tieres, das da so neben mir her galoppierte zu beschreiben: eine große Kuh, mal drei! Ich muss hier weg! Ich schaue nach vorne und erkenne, ok ich bin unmittelbar vor der Arena, weiterlaufen oder kurz zur Seite? Dann wieder alles ganz schnell, hinter mir, schreit einer: “Torro, Torro, Torro!“ und möchte mich am Arm packen, mh, genau dicker, ich tatsche ihn weg, entscheide mich für kurz zur Seite und mache einen Abflug, bzw. würde ich gerne machen, aber da hängt einer auf dem Zaun, ich schnappe ihn an seinem Hüftschal stoße ihn drüber und springe, jetzt bin ich froh über die unzähligen Sprung-Übungen beim Tormanntraining. GESCHAFFT; es kommen sofort Sanitäter zu mir, „He danke mir geht es gut, alles bestens“, warm rinnt es, mein Schienbein runter, einer der Bullen hat mich genau bei meinem Sprung mit den Hörnern gekratzt, deswegen auch die Sanitäter, na da hab ich wieder a mazl gehabt. Ich muss ehrlich gestehen, erst am Foto habe ich gesehen wie knapp die Tiere hinter mir waren, und der arme Kerl im blau, weiß gestreiften kam 2 Sekunden später schwer zu sturz und wurde übertrampelt, ich habe aber in der Zeitung gelesen, dass es ihm gut geht.

Doch noch bin ich nicht fertig, ich springe wieder ins Rennen, denn ich möchte auch in die Arena, meinen Beifall abholen, ein Stier ist noch auf der Strecke aber es geht sich für mich ohne Gefahr aus, durch die Engstelle des Arenen Einganges zu kommen. GEIL! Eine unglaubliche Szene, eine schöne Arena, ein Neuseeländer umarmt mich vor lauter Glück, wir unterhalten uns und suchen auf den Rängen bekannte Gesichter, BAMM!!!!!!! Der Kiwi macht einen mörderischen Backflip, da ist noch ein Stier in der Arena? – Was wir nicht wussten, nach dem Lauf werden junge Bullen zurück in die Arena gelassen und einer davon hat gerade einen halben Meter neben mir einen jungen Burschen aber derartig umgemäht, verdammt, das hätte ich sein können, haha, hab ich ein Glück, das ist das Karma, ich muss so lachen. Der Typ kennt sich gar nicht mehr aus, ich helfe ihm auf und zusammen springen wir schnell über die Bande. Wahnsinn, mein ganzer Körper zittert und ich bin komplett auf Glückshormonen.

Jetzt nur noch was essen, schlafen und ab jetzt nur mehr Sightseeing!

P.S.: Ich habe es in die Lokal Nachrichten geschafft und CNN Worldnews, berichtete mit meinem Bild, dass immer mehr Ausländer mitlaufen 🙂 !

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